Ein Schlüsselmoment in Stefanie de Velascos persönlichem Essay: >> Heiß - Liebeserklärung an die Wechseljahre<<, ist für mich, als sie in einer Bar ein Dejavù hat. Sie erkennt in sich plötzlich eine Energie wieder, die ihr vertraut erscheint und meint damit etwas, was wir schon einmal in uns hatten, als unsere Körper noch jung waren. Es ist dieser unverwüstliche, junge Kern in uns, der wieder lebendig wird, wenn wir ihm Raum schenken.
Dieser Raum entsteht allerdings nur, wenn wir aufhören die Wechseljahre als rein medizinisches Problem zu sehen. Stattdessen bietet diese Lebensphase die Gelegenheit hinzuschauen auf die Angst vor Veränderung und unseren negativen, gesellschaftlichen Blick aufs Älterwerden.
So begibt sich die Autorin nach dem anfänglichen Schock über graue Haare und schlaflose Nächte auf ihre ganz persönliche Forschungsreise.
>>Etwas in mir befahl, mich auf diese seltsame Zeit der Verwandlung einzulassen. Ab jetzt würde ich mich nicht mehr dagegen wehren, egal was für Veränderungen auf mich zukamen.<<
Gespräche mit ihrer Mutter und ihrer besten Freundin zeigen, wie unterschiedlich Frauen diese Zeit erleben. Während ihre Mutter einer Generation angehört, die erst gar nicht über die Wechseljahre sprechen will, reagiert ihre beste Freundin Tonia zunächst mit Skepsis darauf dieser Zeit etwas Positives abzugewinnen.
>>Ich weiß nicht<<, sagt Tonia, >>die Wechseljahre zu umarmen, kann ich mir nicht leisten. Ohne Medikamente wache ich jede Nacht um zwei Uhr auf und schlafe nicht mehr richtig ein. Um sechs klingelt der Wecker, dann geht der Parcours los, Kinder aus den Betten treiben, Brotboxen füllen, Frühstück machen, Kinder zur Schule bringen. Dann fahre ich ins Büro und arbeite acht Stunden. Und abends wieder der ganze Versorgungszirkus. Sorry, aber danach sind meine ganz alltäglichen Superkräfte erst einmal aufgebraucht. <<
Während ihrer Recherche erkennt die Autorin, dass die Ereignisse der Lebensmitte die Wechseljahre maßgeblich beeinflussen können und dass, das Wissen darüber selbstermächtigend ist.
>>Beim Lesen wurde mir klar, dass auch äußere Faktoren maßgeblich darüber entscheiden, wie die Wechseljahre erlebt werden. So lässt sich oft nicht wirklich sagen, was die Ursache für die Beschwerden sind: finanzielle Abhängigkeit vom Partner, Armut, ein unerfüllter Kinderwunsch, Vorerkrankungen wie Hashimoto oder Endometriose – all das ist parallel zu den Wechseljahren möglich und kann sie zusätzlich belasten. Die Wechseljahre überschneiden sich mit der Pflegebedürftigkeit der eigenen Eltern, der Pubertät der Kinder oder dem >>Empty-Nest-Syndrom<<, dem Auszug der inzwischen volljährigen Kinder und der neuen Einsamkeit der Eltern.<<
Stefanie de Velasco stiftet uns an, selbst kreativ zu sein und alte Glaubenssätze zu zerlegen. Mit einer Portion Selbstironie führt sie uns in neue Gedankenwelten. Aus Mangel an Identifikationsfiguren erschafft sie sich ihre eigene Superheldin >>Arruga<<, was auf spanisch Falte bedeutet und sie plädiert für ein neues literarisches Genre, das sie, passend zur Lebensmitte >>Becoming Age<< nennt.
Dieser kluge und unterhaltsame Essay ist ein wertvoller Denkanstoß zum Thema Wechseljahre, den nicht nur Frauen lesen sollten. Abschließend eines meiner Lieblingszitate aus dem Buch.
>>Ich habe die einmalige Gelegenheit, die Frau zu werden, die ich immer sein wollte, denn ab jetzt laufe ich außer Konkurrenz, so wie die richtig guten Filme in Cannes.<<
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